„Über 150 Kammern" — diese Zahl liest man immer wieder, wenn es um die deutsche Kammerlandschaft geht. Aber wie kommt sie zustande, und welche Kammern stecken dahinter? Wer als Unternehmer oder Freiberufler wissen will, in welchem System er Pflichtmitglied ist, braucht erst einmal einen Überblick. Dieser Beitrag schlüsselt die Zahlen nach Typ auf — soweit möglich mit Stand und Quelle, und dort, wo die Zählung Auslegungssache ist, ehrlich gekennzeichnet.
Die zwei großen Wirtschaftskammern: IHK und Handwerk
Den Löwenanteil der Mitglieder stellen die beiden Wirtschaftskammern.
- Industrie- und Handelskammern (IHK): Es gibt 79 IHKs in Deutschland (Stand 2024/2025, Quelle DIHK). Ihnen gehören nach DIHK-Angaben rund 3,6 Millionen Mitgliedsunternehmen an. Zuständig sind sie für nahezu alle Gewerbetreibenden, die nicht zum Handwerk oder zur Landwirtschaft gehören (§ 2 IHKG).
- Handwerkskammern (HWK): Es gibt 53 Handwerkskammern (Stand 2024/2025, Quelle ZDH). In der Handwerksrolle und dem Verzeichnis handwerksähnlicher Gewerbe sind nach ZDH-Angaben über 1 Million Betriebe eingetragen (rund 1,04 Mio.), in denen etwa 5,6 Millionen Menschen arbeiten.
Beide Gruppen zusammen decken damit den größten Teil der gewerblichen Wirtschaft ab. Wie sich IHK und HWK voneinander abgrenzen und wann ein Betrieb sogar beiden angehört, behandeln wir gesondert. Die regionale Aufteilung kannst du in unserer Kammer-Datenbank nachschlagen.
Die Kammern der freien Berufe
Neben Industrie, Handel und Handwerk gibt es die verkammerten freien Berufe. Hier ist die Zahl der Kammern höher, die Mitgliederbasis je Kammer aber kleiner. Die wichtigsten Gruppen (Stand 2024/2025, Größenordnungen):
- Ärztekammern: 17 Landesärztekammern (Nordrhein-Westfalen hat mit Nordrhein und Westfalen-Lippe zwei), zusammengeschlossen in der Bundesärztekammer.
- Zahnärztekammern: 17 Landeszahnärztekammern, Dachorganisation Bundeszahnärztekammer.
- Apothekerkammern: 17 Landesapothekerkammern.
- Tierärztekammern: je Bundesland eine, Größenordnung rund 17.
- Psychotherapeutenkammern: je nach Land, plus Bundespsychotherapeutenkammer.
- Rechtsanwaltskammern: 27 regionale Kammern plus die Rechtsanwaltskammer beim Bundesgerichtshof, Dachorganisation Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK).
- Steuerberaterkammern: 21 Kammern, Dachorganisation Bundessteuerberaterkammer.
- Notarkammern, Wirtschaftsprüferkammer, Patentanwaltskammer — je nach Beruf eine bundesweite oder mehrere regionale Kammern.
- Architekten- und Ingenieurkammern: je Bundesland eine, also jeweils rund 16.
Diese berufsständischen Kammern beruhen überwiegend auf Bundesrecht (z. B. BRAO für Anwälte, StBerG für Steuerberater) oder auf Landesrecht (Heilberufekammergesetze, Architektengesetze der Länder). Einen Überblick gibt der Beitrag Die fünf Kammergruppen in Deutschland.
Landwirtschaftskammern — nur in einigen Bundesländern
Eine Besonderheit sind die Landwirtschaftskammern: Sie existieren nicht flächendeckend, sondern nur in einem Teil der Bundesländer (u. a. Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Saarland, Rheinland-Pfalz). In anderen Ländern nehmen Behörden oder andere Stellen deren Aufgaben wahr. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Kammerlandschaft föderal zersplittert ist — mehr dazu im Beitrag Föderalismus und Kammern.
Warum „über 150" stimmt — und trotzdem unscharf ist
Zählt man die genannten Gruppen zusammen — 79 IHKs, 53 Handwerkskammern, dazu jeweils rund 17 Heilberufskammern in mehreren Heilberufen, 27+ Anwaltskammern, 21 Steuerberaterkammern, je rund 16 Architekten- und Ingenieurkammern sowie die Landwirtschaftskammern —, kommt man deutlich über 150 Pflichtkammern. Die exakte Gesamtzahl hängt davon ab, was man als „Kammer" zählt: nur die regionalen Körperschaften, oder auch die Dachorganisationen wie DIHK, ZDH, Bundesärztekammer und BRAK? Zählt man die bundesweiten Spitzenorganisationen mit, liegt die Zahl noch höher.
Deshalb sprechen seriöse Quellen von einer Größenordnung „über 150", nicht von einer auf die Einheit genauen Zahl. Wer eine präzise Punktzahl nennt, sollte dazusagen, was er gezählt hat.
Die Dachverbände selbst sind ein eigenes Thema: DIHK und ZDH bündeln die regionalen Kammern, finanzieren sich aus deren Mitteln und sind teils ebenfalls verkammert. Das vertieft der Beitrag DIHK, ZDH & Co.: Die Dachverbände der Kammern erklärt.
Warum es überhaupt so viele Kammern sind
Dass die Zahl der Kammern dreistellig ist, hat zwei strukturelle Gründe. Der erste ist die berufsständische Aufteilung: Statt einer einzigen großen Selbstverwaltung gibt es für jede Berufsgruppe — Ärzte, Apotheker, Anwälte, Steuerberater, Architekten — eine eigene Kammer mit eigenem Berufsrecht. Das soll fachliche Nähe sichern, vervielfacht aber die Zahl der Körperschaften.
Der zweite Grund ist die föderale und regionale Gliederung: Viele Kammertypen sind nicht bundesweit, sondern je Bundesland oder je Bezirk organisiert. So entstehen aus einer einzigen Berufsgruppe gleich 16 oder 17 Landeskammern. Bei IHK und Handwerk kommen die historisch gewachsenen, unterschiedlich großen Bezirke hinzu. Warum das je nach Bundesland so verschieden aussieht, vertieft der Beitrag Föderalismus und Kammern.
Die Folge ist eine Landschaft, die selbst Fachleute kaum vollständig überblicken — und in der Vergleichbarkeit zwischen den einzelnen Kammern oft fehlt. Genau diese Lücke will eine transparente Datenbasis schließen.
Millionen Pflichtmitglieder — und was das für dich heißt
Rechnet man die Mitgliederbasis der großen Gruppen zusammen — allein rund 3,6 Millionen IHK-Unternehmen und über 1 Million Handwerksbetriebe, dazu mehrere Hunderttausend Angehörige der freien Berufe —, betrifft die Kammerpflicht mehrere Millionen Menschen und Betriebe in Deutschland. Genaue Mitgliederzahlen je Kammertyp findest du im Beitrag Wie viele Mitglieder haben die deutschen Kammern?.
So groß die Zahlen sind, so wenig sagen sie über die einzelne Kammer aus. Entscheidend ist, was deine Kammer leistet und wie transparent sie mit deinem Beitrag umgeht. Mit dem Kammer-Check findest du heraus, welche Kammer für dich zuständig ist und worauf du bei ihr achten solltest.
Quellen
- Die IHK-Organisation — Zahlen und Fakten (79 IHKs, rund 3,6 Mio. Mitgliedsunternehmen)Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) · abgerufen am 13. Juni 2026
- Handwerkskammern — 53 Handwerkskammern, Kennzahlen des HandwerksZentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) · abgerufen am 13. Juni 2026
- Über uns — 17 Landesärztekammern unter dem Dach der BundesärztekammerBundesärztekammer · abgerufen am 13. Juni 2026
- Rechtsanwaltskammern — regionale Kammern und BundesrechtsanwaltskammerBundesrechtsanwaltskammer (BRAK) · abgerufen am 13. Juni 2026
